BV Koblenz: Angemessener Unterrichtseinsatz in der Fachpraxis
Informationsveranstaltung mit dem Leiter der Abteilung Berufsbildende Schulen im MBWWK, Ministerialdirigent Walter Wahl, und dem Landesvorsitzenden des vlbs Ulrich Brenken

(Andreas Hoffmann) Willi Detemple, der Vorsitzende des Bezirksverbandes Koblenz, hatte den Leiter der Abteilung Berufsbildende Schulen im MBWWK, Walter Wahl, und den vlbs-Landesvorsitzenden Ulrich Brenken zu einer Veranstaltung nach Andernach eingeladen um dort im Dialog mit Kolleginnen und Kollegen die Möglichkeiten eines angemessenen Unterrichtseinsatzes im Bereich der Fachpraxis vor dem Hintergrund der demographischen Entwicklung und der strukturellen Veränderungen im Bereich der berufsbildenden Schulen zu erörtern.

Bild4Neben einer großen Anzahl von Kolleginnen und Kollegen, die zum Teil auch den Weg aus der Pfalz auf sich genommen hatten, waren auch der Leiter des Referats der berufsbildenden Schulen für den Schulaufsichtsbezirk Koblenz, Walter Ellermeyer, und ein weiterer Referent der Schulaufsicht Koblenz, Hubertus Bialas, nach Andernach gekommen.
Gastgeber Rainer Finkenrath, Schulleiter der August-Horch-Schule in Andernach, freute sich über die außerordentlich gut besuchte Veranstaltung an der alten Wirkungsstätte von Walter Wahl und wünschte allen Teilnehmerinnen und Teilnehmern einen interessanten und weiterführenden Dialog.
Willi Detemple verwies auf die Bedeutung der Thematik und erläuterte den anwesenden Kolleginnen und Kollegen den Ablauf der Veranstaltung. Zunächst erhielten die beiden Redner die Möglichkeit für ein Statement.

Walter Wahl blickte zu Beginn seines Statements zurück auf über 35 Jahre, in denen er sich mit dem Thema "Bildung" und besonders der "beruflichen Bildung" beschäftigt hat. In diesem Zeitraum habe er immer wieder kritische Phasen miterlebt und durchgestanden. "So angespannt wie sich die Situation allerdings gegenwärtig durch den demografischen Wandel entwickelt, war es bislang nicht", so seine Aussage. "Dies trifft natürlich auch in besonderem Maße auf die Bildungsgänge der BF und des BVJ zu, in denen die Lehrerinnen und Lehrer für Fachpraxis unterrichten."
"Aufgrund des Schülerrückgangs werden so gut wie keine Lehrkräfte für Fachpraxis mehr ausgebildet und Einstellungen erfolgen nur noch in konkreten Bedarfssituationen. Eine Arbeitsgruppe im Ministerium beschäftigt sich gegenwärtig mit einer möglichen Neustrukturierung."
Herr Wahl erklärte weiter, dass durch die Verankerung des Inklusionsgedankens in das neue Schulgesetz, Eltern ihre Kinder mit dem Förderschwerpunkt "Ganzheitliche Entwicklung" (G-Schülerinnen und G-Schüler) nach dem Besuch der 10. Klasse einer Schwerpunkt- oder Förderschule nun auch an die BBS schicken können. Bis zu 4 G-Schülerinnen und G-Schüler sollen jeweils in einer BVJ-Klasse inkludiert werden können. Damit kann der Abschluss der so genannten Werkstufe durch einen zwei- bzw. dreijährigen Besuch des BVJ ermöglicht werden. Die Kolleginnen und Kollegen der Fachpraxis werden dann durch Förderschullehrkräfte mit einem Unterrichtsumfang von 20 Wochenstunden unterstützt oder, falls keine Förderschullehrkräfte zur Verfügung stehen, durch pädagogische Fachkräfte mit dann 24 Wochenstunden. Die Stabilisierung des BVJ sei zukünftig also auch abhängig von der erfolgreichen Inklusion der G-Schülerinnen und G-Schüler. Um dies zu erreichen, müssen im Unterricht neue Wege gegangen werden. Damit G-Schülerinnen und G-Schüler bessere Chancen am ersten Arbeitsmarkt erhalten, sollte ihnen die Tür des BVJ an der BBS geöffnet werden. Die BBS Ernährung Hauswirtschaft Sozialpflege in Trier setzt dieses Konzept seit Jahren erfolgreich in die Tat um.
Im Schuljahr 2016/17, so Walter Wahl, starten 6 berufsbildende Schulen mit der Integration der ersten Schülerinnen und Schüler mit dem Förderschwerpunkt G. Hier müssen erste Praxiserfahrungen von den BBSen vor Ort gesammelt werden. Die im Schulgesetz verankerte "Experimentierklausel zur Entwicklung eines inklusiven Schulsystems" impliziert die Weiterentwicklung sonderpädagogischer Förderung insbesondere im Bereich der beruflichen Bildung zur Gestaltung des Übergangs in den Beruf. Diese Möglichkeit gilt es jetzt und zukünftig zu nutzen. Aktuelle Untersuchungen ergeben, dass sich Eltern vermehrt dafür entscheiden, ihre Kinder anstatt an Förderschulen an Schwerpunktschulen zu schicken. Doch bevor ihre Kinder dort für den Abschluss der Werkstufe evtl. zweimal die letzte Klassenstufe wiederholen müssen, bietet die BBS mit ihrer Schulform BVJ den Eltern eine Alternative.
Bild2"Für die Berufsfachschule 1 ist die Entwicklung der Schülerzahlen schwer zu prognostizieren", so Walter Wahl in seiner weiteren Ausführung. Aufgrund der demografischen Entwicklung müsste die Schülerzahl abnehmen, das passiert aber nicht. Die Kammern haben schon lange erkannt, dass für einen Großteil der BF 1 - Schülerinnen und -Schüler die duale Ausbildung der geeignetere Weg ins Berufsleben ist, hierzu fehle ihnen aber - aus Sicht der Kammern - in den meisten Fällen die Berufsreife. Durch die Reform der BF 1 erhalten die Schülerinnen und Schüler deshalb die Chance, sich im Praktikum den Betrieben zu zeigen und die Betriebe von sich zu überzeugen. Der fachpraktische Unterricht unterstützt an dieser Stelle maßgeblich den Entwicklungsprozess der Schülerinnen und Schüler. Lehrkräfte für Fachpraxis können aber auch im Theorieunterricht eingesetzt werden. "Sie dürfen das!" Allerdings will und darf das MBWWK Theorieunterricht für LfFP nicht verordnen. "Die Lage ist, wie sie ist, und ich will sie auch nicht schön reden. Es existiert keine neue Verwaltungsvorschrift für den Aufstieg der Lehrkräfte für Fachpraxis. Dafür wäre auch nicht die Fachabteilung 4A im Ministerium zuständig." Zur Lehrbefähigung in theoretischen Unterrichtsfächern fordert die Konferenz der Kultusminister (KMK) auch von den LfFP ein Studium. Das ist unumgänglich. Ein erleichterter Zugang zu dieser Unterrichtsqualifikation ist aus rechtlichen Gründen nicht möglich, weil die Abschlüsse für das Lehramt im gehobenen und höheren Dienst bundesweit anerkannt werden müssen. Einen ,Lehrer light' kann es deshalb in Rheinland-Pfalz nicht geben. Die Schulverwaltung ist selbstverständlich bereit, gemeinsam mit der Personalvertretung kreative Lösungen vor Ort zu suchen und zu unterstützen, aber nicht außerhalb der rechtlichen Möglichkeiten.

"Wenn ich richtig gerechnet habe", so Ulrich Brenken in seinem Statement, "besuchen aktuell ca. 2000 Schülerinnen und Schüler das BVJ. Bei Klassenfrequenzen von etwa 14 Schülerinnen und Schüler pro Klasse ergibt das ca. 140 Klassen bei ca. 200 Lehrkräftevollzeitstellen. Die BF besuchen ca. 8500 Schülerinnen und Schüler in 350-400 Klassen bei ca. 400 Lehrkräftevollzeitstellen. In Summe ergeben sich also für das BVJ und die BF ca. 600 Lehrkräftevollzeitstellen. Aus dieser Tatsache heraus kann ich mir nicht vorstellen, das man eine angemessene Unterrichtsversorgung in diesen beiden Schulformen für die nächsten 10 oder mehr Jahre ohne einen Einstellungskorridor für LfFP gestalten kann und will." In dieser Fragestellung ist die Implementierung der Förderschulwerkstufen in die BBS im Zuge der Inklusion noch gar nicht berücksichtigt und Ulrich Brenken stellt die berechtigte Frage ob diese große Aufgabe auch zukünftig z.B. in den Bereichen Holz, Metall und Elektro ganz ohne einen Nachwuchs an LfFP geschultert werden kann.
"Natürlich entwickeln sich bei den Kolleginnen und Kollegen aufgrund des Schülerrückgangs Sorgen und Ängste hinsichtlich eines zukünftigen adäquaten Unterrichtseinsatzes." Ein fachfremder Einsatz, z.B. in einer Schule einer Justizvollzugsanstalt, wie schon beabsichtigt, kann nicht Sinn der Sache sein. Ein Einsatz der LfFP im Bereich der berufsbildenden Schulen muss gegeben sein. Wenn jemand über Jahre hinweg Theorie unterrichtet hat, ohne dass die ADD tätig geworden ist, war klar, dass die Kolleginnen und Kollegen gleichwertig eingesetzt worden sind. Und das soll auch zukünftig so bleiben.

Im Anschluss an die beiden Statements der Gastreferenten gab Willi Detemple den Ring frei für Fragen, die diskutiert werden konnten.

"Die Stundenzahl für den fachpraktischen Unterricht in der BF ist von 18 auf 15 Wochenstunden nach unten gefahren worden. Dies ist anhand der Stundentafeln leicht erkennbar. Ist die Reduzierung des fachpraktischen Unterrichtsanteils der richtige Ansatz, und ist die ‚Lehrkraft für Fachpraxis' ein Auslaufmodell, obwohl sie ein Bindeglied zwischen Schule und Betrieb verkörpert?", so eine zentrale Fragestellung.

Walter Wahl äußert hierzu, dass die Schülerinnen und Schüler des BVJ und der BF in den meisten Fällen schulmüde sind und der fachpraktische Unterricht ist eine gute Möglichkeit ist sie da heraus zu holen. Die Schülerinnen und Schüler allerdings, die sich für die BF 2 qualifizieren, signalisieren dass sie ihre Freude am Lernen theoretischer Unterrichtsinhalte wieder entdeckt haben. Von daher war die Entscheidung für den Wegfall des fachpraktischen Unterrichtsanteils in der BF 2 richtig. "Die BF-Reform war aber keine Entscheidung die LfFP abzuschaffen. Der Bestand an LfFP muss erhalten bleiben. Allerdings muss geschaut werden, ob auch für potentielle Nachfolger aufgrund des Trends zur Akademisierung über die allgemeinbildenden Schulen ein langfristiger Unterrichtseinsatz garantiert werden kann." Hier liegt der Ball eindeutig im Spielfeld der Arbeitgeber, so Walter Wahl. Die Arbeitsbedingungen und Entwicklungsperspektiven müssen attraktiver werden. Wir stellen fest, dass immer weniger Betriebe ausbilden, gleichzeitig Ausbildungswillige aber anspruchsvoller werden. Eine Prognose in Richtung der nächsten 20 Jahre ist deshalb schwierig. "Unsere Aufgabe ist es, dafür zu sorgen, dass die LfFP auch in Zukunft noch Arbeit haben. Deshalb erfolgen zukünftig in der Regel Neueinstellungen nur dann, wenn es eine längerfristige Beschäftigungsperspektive für diese Lehrkräfte gibt."

"Im Zuge der Inklusion werden die LfFP an den berufsbildenden Schulen durch Förderschullehrkräfte unterstützt. Warum stellt man keine LfFP mit Zusatzqualifizierung ein, diese Lehrer wären zudem noch preiswerter?"

Walter Wahl: "Dies können mögliche Lösungen vor Ort sein. Und dazu wurde auch die Experimentierklausel im neuen Schulgesetz verankert. Aber durch eine Verordnung kann ein solcher Vorschlag nicht geregelt werden. Unter Beteiligung der Personalvertretung und der jeweiligen Schule sehe ich in besonderen Ausnahmefällen Möglichkeiten für eine solche Regelung."

Harry Wunschel erinnerte an zwei Regionalveranstaltungen, in denen der vlbs mit 50 Lehrkräften sowie Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeitern über die aktuelle Unterrichtssituation im BVJ diskutierte (siehe vlbs-aktuell, Juni 2015). "Hier sind Ideen gefallen, die den LfFP zupasskommen könnten. Aufgrund der vielfältigen Problemlagen in den Klassen muss der Unterricht individualisiert werden. Als wichtigste Forderung ergab sich die Absenkung der Schülerhöchstzahl pro Klasse von 16 auf zwölf. An Förderschulen ist sogar eine Klassenmesszahl von neun für verhaltensauffällige Schülerinnen und Schüler gegeben. Hier muss eine Angleichung erfolgen. Eine Alternativlösung stellt Teamteaching dar."

Ulrich Brenken erinnerte daran, über den Ganztagsschulstatus für die BBS nachzudenken. "Hier ließe sich ein neues Tätigkeitsfeld für LfFP schaffen. Die Nachmittagsbetreuung könnte durch praktisches Arbeiten in sogenannten Neigungs-AGs gestaltet werden."

Walter Wahl: "Einen Korridor zwischen einer Klassenmesszahl von neun und 16 Schülerinnen und Schülern im BVJ sehe ich auch. Für die BF-Reform bin ich nicht verantwortlich, aber an der BVJ-Reform können Sie mich messen. Die politische Entscheidung kann ich aber nicht alleine treffen, hier muss der Hauptpersonalrat gemeinsam mit dem MBWWK Rahmenbedingungen erarbeiten."

Eine weitere Fragestellung bezog sich auf den Deutschen Qualitätsrahmen (DQR) der für alle Bundesländer Gültigkeit besitzt. "Dieser besagt, dass die Qualifikation des Meisterbriefes, den LfFP besitzen, mit dem Bachelor gleichzusetzen ist. Von oberster Stelle, haben LfFP diese Qualifikation also schon bestätigt bekommen. Warum wird den LfFP also der legitime Unterricht in der Theorie verwehrt?"

"Die Regelungen des DQR gelten europaweit", so Walter Wahl. Ein Meister erhält dieselbe DQR-Einstufung wie ein Bachelorabsolvent, d.h. es gibt eine Vergleichbarkeit der Abschlüsse, was aber nicht heißt, dass es sich um dieselben Abschlüsse handelt. Eine gleiche Einstufung sagt auch nichts über eine gleiche Bezahlung aus. Weil LfFP die gleiche Stufe wie den Bachelor haben, lässt sich daraus nicht ableiten, dass sie die Legitimation zum Unterrichten der Theorie besitzen.
Rainer Menges, Vorsitzender des vlbs-Ausschusses Lehrkräfte für Fachpraxis, fragt, ob die Möglichkeit zur Ausstellung einer Urkunde bestehe, die bestätige, dass LfFP legitim in der Theorie unterrichten könnten, auch wenn Kolleginnen und Kollegen des höheren Dienstes dafür zur Verfügung stünden?

Walter Wahl: "Diese Idee hat Charme, aber die Juristen im Ministerium können da nicht mitziehen. Denn dann ergäbe sich die Möglichkeit, auch ein höheres Gehalt zu fordern. Das MBWWK ist - wie schon gesagt - an die Vorgaben der Kultusminister-Konferenz und der Rechtsprechung gebunden. Es macht viel mehr Sinn vor Ort, unter Einbeziehung der örtlichen Personalvertretungen, Lösungen zu finden."

"Mit Minister Zöllner", so Ulrich Brenken, "wurde eine Regelung getroffen, wonach fachfremd eingesetzte Lehrkräfte nach 5 bis 7 Jahren bei der Stundenplangestaltung mit Lehrkräften gleichgestellt sind, die eine Fakultas für das Fach besitzen." Ulrich Brenken regte deshalb an, eine analoge Regelung vor Ort für die LfFP mit Einsatz im Theorieunterricht zu finden.

Zum Abschluss der Veranstaltung bedankte sich Willi Detemple bei Walter Wahl und Ulrich Brenken sowie bei den Teilnehmerinnen und Teilnehmern der Veranstaltung für den von beiden Seiten offen aber auch kontrovers geführten Dialog. "Wir haben eine Reihe von zukunftsweisenden Impulsen erhalten und ich hoffe, dass Lösungen gefunden und umgesetzt werden, die für die Kolleginnen und Kollegen der Fachpraxis einen angemessenen Unterrichtseinsatz an ihrer Schule gewährleisten."

Ein besonderes Dankeschön ging auch an die Vorsitzende des vlbs Ortsverbandes Andernach, Steffi Kölsch, die für den vlbs die Veranstaltung vor Ort organisiert hat.

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